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Magnificat: Das Loblied der Erniedrigten

von Achim Fürniss | |   Hingeschaut

Das Magnificat als Loblied auf das Kommen des Herrn, der Umkehrung der Verhältnisse und das Vorbild einer jungen Frau...

Wir lieben sie und wir können sie trotzdem oft nicht mehr hören, die Advents- und Weihnachtslieder, die wir überall in diesen Tagen zu hören bekommen. Das älteste und vielleicht das erste aller Adventslieder ist jdoch schon zweitausend Jahre alt und ist den meisten Leuten leider unbekannt. 

Liebhaber klassischer Musik oder des geistlichen Chorgesanges kennen es wohl aus den großartigen Kompositionen Antonio Vivaldis oder Johann Sebastian Bachs. Es ist als Chorwerk bekannt geworden unter dem Lateinischen Namen des ersten Wortes dieses Liedes: Magnificat (Erhoben sei). Und nur wer sich intensiv mit spirituellen Wegen beschäftigt weiß, dass dass das Lied im Stundengebet seit Jahrhunderten jeden Abend mit der Vesper gesungen wird.

Bibelkundige kennen das Lied als Lobgesang der Maria im schönen ersten Kapitel des Lukasevangeliums, ein herrlicher, farbiger und würdiger Auftakt zur Geschichte der Geschichten. „Meine Seele erhebet den Herrn“ Magnificat anima mea, ich will ihn groß machen, will ihn loben, der das Geringe und Verachtete anschaut und aufrichtet. Es steht in Lukas 1 die Verse 39 bis 56.

 

2.

Zwei Frauen begegnen sich: Die ältere, Elisabeth, erwartete endlich ein Kind. Schon so lange hatte sie darauf gewartet. Wie viele Gebete hatte sie heimlich zu Gott gesprochen, er möge ihr doch endlich ein Kind schenken. Fast zu alt für eine Geburt darf sie nun das Glück erfahren, einem Kind das Leben schenken zu dürfen. Und nun war es so weit. 

Und auch die jüngere, Maria, erwartet ein Kind. Sie ist eigentlich noch zu jung dafür, gerade einem Mann versprochen, in jugendlichem Alter. Völlig unerwartet wird sie schwanger, trägt das belastende Geheimnis der nahen Geburt nun in sich, wird es bald nicht mehr verbergen können. Elisabeth, eine Verwandte der Maria (Lk. 1,36), vielleicht ihre Tante, wird sie verstehen.

 

Und auch im Größeren stehen Elisabeth und Maria für das Alte und das Neue, für ein endendes und ein beginnendes Zeitalter. Johannes, der Sohn Elisabeths wird der letzte der Propheten genannt werden, der die nahe Ankunft des Gesalbten Herrn ankündigen wird. Über Jahrhunderte hatten die Propheten vom kommenden Zeitalter geweissagt, nun ist es ganz nahe herbei gekommen. 

In Jesus, dem Sohn der Maria, erfüllt sich ihre Weissagung. Das Zeitalter der Erfüllung bricht an.

Die zeit des Wartens, die so lange schwanger ging, die Schmerzen und Wehen ertragen musste, sie geht nun zu Ende. Wer die Hoffnung auf eine Erfüllung der frohen Botschaft der Propheten mit sich trug, und wer unter dem Leid, der Gewalt und der Grausamkeit unserer Welt gelitten hatte, wird nun in der Geburt dieser beiden Kinder in seiner Hoffnung bestärkt. Es kommt völlig überraschend, für beide Mütter bricht es in ihre Welt hinein, ist plötzlich da. Und wie immer wenn ein Kind geboren wird, wird es unsere Welt verändern.

 

3.

Magnificat. Das Lied das Maria singt, erinnert an das Loblied der Hanna im ersten Buch Samuel. Und so gesehen könnte es ursprünglich eher das Lied der Elisabeth gewesen sein. Ausleger vermuten das 1, denn Elisabeth ging es ja wie Hanna, der Frau Elkanas, die einfach keine Kinder bekommen konnte. Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie sehr der Status einer Frau in früheren Zeiten mit der Geburt ihrer Kinder verbunden war, allzumal der Söhne,dann können wir verstehen wie es Hanna oder auch Elisabeth erging.

 

Hanna wird nach langem Warten ein Sohn geschenkt, Samuel ist sein Name, „Ich habe ihn vom Herrn erbeten“. Mit Samuel beginnt die lange Reihe der Propheten, die mit der Hoffnung auf das Kommen des Reiches Gottes in einem gerechten Herrscher verbunden waren. Samuel ist es, der die ersten Könige salbt, Saul und David, unvergesslich ist sein Name mit dem Geschlecht Davids verbunden, aus dem auch Jesus später hervorgeht.

 

„Mein Herz ist fröhlich in dem HERRN, 

mein Haupt ist erhöht in dem HERRN. 

Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde, denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der HERR, außer dir ist keiner, und ist kein Fels, wie unser Gott ist. ...

Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.

Die da satt waren, müssen um Brot dienen, 

und die Hunger litten, hungert nicht mehr. 

Die Unfruchtbare hat sieben geboren, 

und die viele Kinder hatte, welkt dahin. ...

Der HERR macht arm und macht reich; 

er erniedrigt und erhöht.

Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub 

und erhöht den Armen aus der Asche, 

daß er ihn setze unter die Fürsten 

und den Thron der Ehre erben lasse. ...

Er wird behüten die Füße seiner Heiligen, 

aber die Gottlosen sollen zunichte werden in Finsternis; denn viel Macht hilft doch niemand.

...Der HERR wird richten der Welt Enden. 

Er wird Macht geben seinem Könige 

und erhöhen das Haupt seines Gesalbten.“

(aus 1. Samuel 2, 1-10)

 

Die Ähnlichkeit ist verblüffend und es wird wieder einmal deutlich wie stark die Verfasser der Evangelien die Geschichte und Botschaft Jesu als Vollendung, als Erfüllung der Verheißung gesehen haben.

Was Hanna, die Mutter Samuels, ganz zu Beginn der messianischen Verheißung gesungen hat, wird von Maria, der Mutter Jesu, des Christus, des Gesalbten!, zum Ausdruck gebracht. Wie das Kind nach langen Monaten des Wartens nun endlich da ist, so wird auch die Verheißung, die Hoffnungen der Menschheit auf Erlösung, auf Friede und Umkehr der Verhältnisse nun endlich wahr werden. Magnificat, gelobt sei der Name des Herrn. Da hüpft das Kind im Bauche der Elisabeth, der Mutter des letzten der Propheten. Vom messianischen Geist erfüllt, preist sie die Mutter des Herrn: „Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes“ (V. 42), „selig bist du. Die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist vom Herrn“ (V45)

 

4.

Eine der schönsten Auslegungen des Magnifacts, des Loblieds der Maria, stammt von Martin Luther, die er in den Reformationsjahren 1521 geschrieben hat. Es überrascht immer wieder mit welcher Hingabe der junge Luther von der Mutter Jesu redete: „So macht es auch hier die feine Mutter Christi und lehrt uns durch das Beispiel ihrer eigenen Erfahrung und durch ihre Worte, wie man Gott erkennen, lieben und loben soll.“2 Erst nach und nach verliert sich das Gedächtnis und die Verehrung der Mutter Jesu im Protestantischen Bereich. Auch über die Reformation hinaus wurden die Marienfeste Mariä Lichtmess (2. Februar), Mariä Verkündigung (25. März) und Mariä Heimsuchung (2. Juli) als Gedenktage im evangelischen Bereich gefeiert. Doch erst mit der Aufklärung verschwinden die Marienfeste aus dem protestantischen Bewußtsein und unser Text wandert vom 2. Juli auf den 4. Advent kurz vor Weihnachten. 3

 

Luthers Auslegung kreist um die Hoheit Gottes und die Demut Mariens. Entscheidend ist dabei die Blickrichtung. Während wir Menschen immer auf das Erhabene, auf das Wertvolle, auf das Edle und Noble schauen, schaut Gott auf das Niedrige, das Verachtete, das Verlorene. Der Blick der Menschen gehe immer nur nach oben, sagt Luther. Sie richteten sich nach den Mächtigen, nach den Menschen mit Ruhm und alle würden sie da oben gerne sitzen und mit dazu gehören. „Die Augen der Welt und der Menschen .. sehen nur über sich und wollen durchaus sich nach oben hin richten“ sagt Luther. „Das erfahren wir täglich, wie jedermann nur über sich hinausstrebt nach Ehre, Gewalt, Reichtum, Wissen, Wohlleben und allem, was groß und hoch ist“.4

Gottes Blickrichtung ist eine andere. Gott, der der höchste ist und dem niemand gleich ist schaut darum nicht nach oben und auch nicht auf seine Höhe; sein Blick richtet sich immer nur nach unten. „Daher kommt's, dass Gottes Augen nur in die Tiefe, nicht in die Höhe sehen ... Denn weil er der Allerhöchste ist und es nichts über ihm gibt, kann er nicht über sich sehen; er kann auch nicht neben sich sehen, weil ihm niemand gleich ist. Darum muss er notwendig in sich selbst und unter sich sehen, und je tiefer jemand unter ihm ist, desto besser sieht er ihn.“ Diese Blickrichtung Gottes, die sich besonders den niederen, den verachteten und verlorenen Menschen zuwendet ist den gewöhnlichen Menschen fremd. „Niemand will in die Tiefe sehen, wo Armut, Schmach, Not, Jammer und Angst ist; da wendet jedermann die Augen weg“ stellt Luther fest 5.

Wie wenig sich da bis heute geändert hat. „Wo solche armen und elenden Leute sind, da läuft jedermann davon, da flieht, da scheut, da verlässt man sie, und niemand denkt daran, ihnen zu helfen, beizustehen und zu machen, dass sie auch etwas sind.“ Dabei hat Gott doch schon am Anbeginn aus dem Nichts in der Schöpfung alles erschaffen. Zu ihm fließt das Lob wieder zurück, hinauf zum Schöpfer, wie ihn Maria preist. Nicht sich selbst will sie erheben, sondern Gottes Lob erhebt ihre Seele, ihn will sie groß machen. Darum muss ihr Sohn auch ganz hinab in die Verlorenheit, muss Schmach, Folter und Tod erleiden, auf dass Gott gerade hier unter den niedersten und verlorensten Menschen sein Werk der Liebe wirke.

Maria wird uns darin ein Vorbild, weil sie in ihrer Niedrigkeit dennoch die Worte Gottes in sich aufnimmt und Gott dadurch wirken läßt. Und trotzdem ist es nicht sie, auf das sich unser Blick lenken soll, sondern Gott selbst, der durch sie handelt. Luther dazu: „was meinst du, dass ihr Lieberes begegnen mag, als dass du durch sie zu Gott kommst und an ihr lernst, auf Gott zu trauen und zu hoffen, wenn du auch verachtet und vernichtet wirst, worin immer das geschehe im Leben oder Sterben? Sie will nicht, dass du zu ihr kommst, sondern du, durch sie, zu Gott.“ 6

 

5.

Maria unser Vorbild? Gerade arme und rechtlose Menschen mögen sich mit ihr verbunden fühlen. „Viele Christen in Lateinamerika bringt sie ihre geraubte und geschändete Ehre wieder. Sie ist eine von ihnen. Sie stammt aus der Favela, (aus dem einfachen Volk). Sie zieht umher und ist verbannt wie sie. In ihr erkennen sie sich wieder, die verstoßen sind wie sie und die von den Behörden keine Rücksicht erfahren trotz Schwangerschaft und Niederkunft – wie sie.“ 7

„Sie, diese junge Frau und Mutter verschweigt nicht, dass unmenschliche Machtverhältnisse die Menschen beherrschen“ 8 Wie schon die Blickrichtung Gottes eine andere ist als die der Menschen, so spricht das Lobgebet der Magd Gottes von einer Umkehrung der Verhältnisse: Gott holt die Mächtigen von Thron und setzt die niedrigen ins Recht. Er beschenkt die Hungrigen mit seinen Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen (V52+53). „Wer so singen kann, muss vor den Gewaltigen nicht verstummen.“ 9 „Es war folgerichtig, wenn in Lateinamerika Anhänger der Befreiungstheologie Bilder von Maria und Drucke ihres 'Magnificat' bei sich trugen. Die demütige Madonna (wie sie die katholische Kirche immer gern prdeigte A.d.R) eine Umstürzlerin?“ 10

Für den Evangelisten Lukas, dessen Evangelium gerne als das Evangelium der Armen bezeichnet wird, ist dieses Lied zu Beginn seiner Geschichte Jesu fast wie ein Programm. Maria nimmt hier die Reich Gottes Botschaft Jesu schon vorweg. Und der Weg zum Kreuz ist damit ebenso schon vorgezeichnet. Gott wendet sich den Schwachen zu und wird selber schwach dabei, wir haben es vorhin in der Lesung des Apostel Paulus gehört. 

 

Was also können wir von Maria lernen? Was hat uns das altehrwürdige Magnificat heute noch zu sagen? Wer in seinem Leben versucht, Einfluss, Besitz und sein Image zu bewahren, der wird nicht so sprechen können wie Maria. „Er wird die Sprengkraft, die in diesen Worten steckt, abwehren, versuchen sie umzudeuten – oder aber, er lässt sich verunsichern und beginnt sein Leben zu überdenken. Gottes Barmherzigkeit geht an den 'Niedrigen' nicht vorbei, sondern kommt in ihnen selbst zum Zuge (vgl. Lk. 6,20ff). Das Wissen darum gibt Menschen die Kraft, sich nicht zufrieden zu geben mit dem, was sie vorfinden. (In einem Graffito an der Berliner Mauer war zu lesen) 'Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt' (Graffito an der Berliner Mauer).“ 11

 

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(1) „Es ist eine offene Frage, ob er (sc. der neutestamentliche Pslam a.d.R.) ein Lied der Elisabeth war und erst zu einem solchen der Maria geworden ist oder ob er von Anfang an als Lied der Maria gedacht war. Einige Texte lesen: 'Elisabeth sprach'“ Für die Zuordnung zu Elisabeth sprächen die Anklänge an das Hannalied, deren Lage der Elisabeth und nicht der Maria entspreche und die prophetische Inspiration der Elisabeth. Vgl. Walter Grundmann, Das Evangelium nach Lukas ThHK NT, Bd 3, Berlin 1961, 9.Aufl. 1981, S. 63f)

(2) Martin Luther, Das Magnifikat, Band 9 der Calwer Ausgabe, Stuttgart 1996, S.26

(3) Peter Kreyssig in Predigtstudien I, 1990, S. 43

(4) Luther a.aO. S. 24

(5) ebenda

(6) Luther, aaO. S. ?

(7) Rolf Steinhilper, Evang. Morgenfeier am 2.11.1986 in SDR1

(8) ebenda

(9) ebenda

(10) Arnd Bäucker, Junge Frau mit sich im Reinen, Sonderbeilage Stuttgarter Nachrichten, Weihnachten 2003

(11) Annette Boley in Predigtstudien I,1, Stuttgart 1996 S.41

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Magnificat im Tauffenster der Walterichskirche in Murrhardt
Magnificat im Tauffenster der Walterichskirche in Murrhardt